Freitag, 31. Januar 2014

Aroma-Massage als Kommunikationsform im Hospiz

Heute habe ich die Ehre wieder ein paar Ausschnitte aus einer ganz besonderen Facharbeit von meiner Schülerin Denise zu veröffentlichen.

Seit April 2013 arbeitet Denise als Pflegefachkraft im Hospiz in Schwerin. Es bietet 12 Gästen ein letztes Zuhause. Jedem Gast steht ein geräumiges Einzelzimmer mit Dusche und WC zur Verfügung, das er sich auf Wunsch auch selbst einrichten und gestalten kann.
Auch an die speziellen Bedürfnisse der Angehörigen wurde gedacht. Diese können in der Begleitungsphase das Gästezimmer der Einrichtung nutzen.
Die Implementierung aromapflegerischer Anwendungen und anderer Komplementärmethoden der Pflege durch die Pflegekräfte vor Ort steckt noch in den Kinderschuhen – aber die Offenheit und Bereitschaft, sich auf den Weg zu begeben, sind deutlich erkennbar.
Aufgrund meiner laufenden Ausbildung in der Aromapflege und meinem Wunsch, diese auch praktisch anwenden zu dürfen, erhielt ich auf Nachfrage bei der Pflegedienstleitung die Erlaubnis, Aromapflege vorerst in Form der Aroma-Massage, Hand- und Fußbädern sowie Waschungen und Raumbeduftung durchzuführen.
Obwohl bereits 100% reine ätherische Öle sowie elektrische Aromalampen in der Einrichtung zur Verfügung standen und  entsprechende Mundpflegeöle aus der Bahnhofsapotheke in Kempten bestellt worden waren, konnte ich deren Anwendung kaum beobachten. Wie ich erkennen musste, waren die Mitarbeiter der Thematik an sich sowie der Wirksamkeit der Aromapflegeprodukte sehr skeptisch gegenüber eingestellt.

Mein Favorit – Die Aroma-Massage
(Quellen: Der folgende Gliederungspunkt und die Textabschnitte der Unterpunkte  wurden unter Zuhilfenahme der Seminarunterlagen von Sabrina Herber und dem Buch „Hilfreiche Gespräche und heilsame Berührungen im Pflegealltag von Specht-Tormann/Tropper,S.68 ff. erarbeitet.) 

Im Verlauf der Ausbildung in der Aromapflege stand als Zusatzmodul das Erlernen der Aroma- Massage zu Auswahl.
Schon als Kind durfte ich die entspannenden und wohltuenden Massagen meiner Großmutter genießen. Meine Beschwerden (z.B. Anspannung, Ängste, Schmerzen im Nackenbereich, Nervosität) konnten durch ihre Berührungen deutlich gelindert werden. Obwohl meine Großmutter keine Ausbildung in dem Bereich genossen hatte, griffen wir gern auf ihre Fähigkeiten zurück. Meine Mutter sagte immer, dass Oma heilende Hände besitzen würde. Auch wenn das so mancher in Frage stellen würde, so  gab sie uns doch während der Massage das Gefühl der Geborgenheit, der Wärme, der Nähe und vor allem Zuwendung.
Diese Erinnerungen und das bereits erworbene Wissen über die Wirkung der ätherischen Öle und die in Aussicht gestellte Möglichkeit, diese in Form der Massage sowohl über die Haut als auch über den Geruchsinn einsetzen zu können, sorgten dafür, dass ich voller Vorfreude meine Anmeldung zum Kurs ausfüllte.

 Allein die Wirkungsbandbreite der Massage… hier nur einige Beispiele

o   deutliche Linderung von Alltagsbeschwerden
o   Gefühl der Wärme, Geborgenheit, Zuwendung, Nähe zu vermitteln
o   die Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensenergie, inneren Harmonie
o   Entspannung, Lösen von Stresszuständen, Linderung von Schlafstörungen
o   Hautpflege, Regeneration der Zellen
o   Durchblutungsförderung, Förderung des Stoffwechsels
o   Stärkung des Immunsystems
o   Förderung der Konzentration
o   Förderung der nonverbalen Kommunikation
o   Festigung der zwischenmenschlichen Beziehungen…
…faszinierte mich und bestätigten meine Annahme, dass ich diese Fähigkeit gut in der Hospizpflege einsetzen könnte.
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Bevor ich das Angebot einer entspannenden Aroma-Teilmassage unterbreite, frage ich mich selbst:

o   Wie fühlst du dich gerade? (z.B. entspannt oder angespannt)
o   Fühlst du dich in der Lage eine entspannende Massage zu geben?
o   Hast du ausreichend Zeit?
o   Willst du diese Zeit für eine Anwendung einsetzen?
o   Bist du bereit, diese Zeit dem Gast voll zur Verfügung zu stellen?

Da ich die Aroma-Massage als einzige Fachkraft in dem entsprechenden Umfang durchführe und keine zusätzlich Zeit zur Verfügung habe, muss ich leider oft auch danach fragen:
o   Ist deine Kollegin bereit, auf deiner Seite zur Klingel zu gehen, während du beim Gast
     bist?
o   Welche und wie viele Anwendungen kannst du überhaupt in den normalen Ablauf einbinden?
o   Welche Gäste haben Bedarf?
 Wo setzt du die Prioritäten? (Welche Bedürfnislage ist dringender? Wer kann oder muss noch 1-2 Tage länger warten?)
 Folgende Mischverhältnisse finden Anwendung:
  • Mischung 0,5%ig:              10ml Basisöl + 1 Tropfen ätherische Ölmischung
  • Mischung 1,0%ig:              10ml Basisöl + 2 Tropfen ätherische Ölmischung

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Aroma-Massage als Kommunikationsform
Wie Ihnen bereits aufgefallen ist, ist die Unterbreitung des Wohlfühlangebotes allein schon verbal kommunikativ stark geprägt.

o   Informationen werden gegeben und im Gegenzug gesammelt.
o   Einstellungen, Meinungen, Wünsche und Bedürfnisse werden erfragt…
o   …auf genau diese wird dann reagiert, sie werden berücksichtigt.
o   Empathie, Achtung und Respekt dem Gast gegenüber sind  Grundvoraussetzung für eine gelingende Kommunikation.
o   Die Authentizität des Anbietenden ist oftmals ausschlaggebend für den Gast, um demjenigen das Vertrauen zu geben, der die Massage durchführen möchte, um ihn ohne Notwendigkeit so nah an sich und seiner Körper heranzulassen.
Erst die Kommunikation im Vorfeld entscheidet darüber, ob dem Gast die Sicherheit vermittelt werden kann und in deren Folge das Vertrauen aufgebaut wird, um die folgende nonverbalen Kommunikation – die Massage = Sprache der Berührung – überhaupt durchführen zu können.

Massage als Sprache der Berührung
Die Sprache der Berührung dient genauso dem Kontaktaufbau, dem Austausch von Informationen, dem Übermitteln von Einstellungen und Meinungen wie die verbale Kommunikation.
Die Sprache der Berührung ist außerdem die erste Sprache, die Kinder lernen. Schon im Mutterleib lernen sie die natürliche Begrenzung durch den Uterus kennen, werden von Fruchtwasser umspült, spüren Erschütterungen und hektische Bewegungen und können auch schon entspannendes Wiegen genießen. Nach der Geburt ist das Kind von den sprechenden Händen der Mutter abhängig. Wie fühlen sich z.B. die Hände der Mutter an. Wie berührt/wiegt die Mutter das Kind? (hektisch, gestresst, ruhig, entspannt). Wie nimmt die Mutter das Kind in den Arm(überfallend oder liebevoll) Kinder lernen begreifend ihre Umwelt kennen und machen sich ein Bild von der Welt. Sie entwickeln über Berührung auch das Gefühl von Sicherheit und Unsicherheit, von Ruhe oder von Hektik, Stress. Wir alle sammeln ein Leben lang Berührungserfahrungen (angenehme aber auch unangenehme) und werden so Experten für Berührung. Und wir sprechen die Sprache der Berührung auch bis an unser Lebensende. Auch dann, wenn uns der Weg zur sprachlichen Äußerung schon längst verstellt ist.

Wenn wir alle Experten in Bezug auf Berührung sind, könnte dann jeder Einreibungen, Streichungen und Wohlfühlmassagen geben?

Grundsätzlich :                    Ja

Was bedeutet das Vorhaben für den Massage-Gebenden?
Grundsätzliches über die Berührungsqualitäten  zu wissen:
o Berührungen können entspannend, schön, belebend, anregend oder
   beruhigend sein
o Berührungen können Gefühle transportieren, Erfahrungen vermitteln,
   Erlebnisse unterstreichen
Können Intimität schaffen und den Eintritt in tiefere seelische Schichten
   ermöglichen

aus therapeutischer Sicht bedeutet es:
o   immer auch den Körper des Gegenübers anzunehmen
o   sich auf Funktionsabläufe des Gastes einzulassen
o   Störungen zu erkennen und zu bearbeiten

aus pflegerischer Sicht bedeutet massieren auch
o   den persönlichen Lebensraum und dessen Grenzen zu beachten
o   zwischen Berufsberührung und Beziehungsberührung zu unterscheiden
o   zu wissen, dass die Massage eine Möglichkeit zur Sinnesstimulation und Eintritt in die biographische Geschichte der Betreuten darstellen kann
 

Folgende Punkte hat Denise in Ihrer mehr als 50 seitigen Facharbeit ausgearbeitet:

  • Beachtung des persönliche Lebensraumes und seiner Grenzen während der Massage
  • Unterscheidung zwischen der Berufsberührung und der Beziehungsberührung
  • Sinnesstimulation und Eintritt in die biographische Geschichte
  • Aroma-Massage als symptomlindernde Maßnahme

  • Wie berühre ich einen Patienten?
Einige Beispiele:
•       langsamer Berührungsfluss    =         Beruhigung
•       beschleunigter Bewegungsfluss        =         Ankündigung eines Erlebens
•       ruckartige Bewegung                             =         erzeugen Stress, Unbehagen
•       kräftige Berührungen                             =         stimulieren
•       sanfte Berührungen                               =         entspannen

 
Konkret bedeutet das:
•       Ich nehme dich wahr, wie du bist.
•       Ich akzeptiere dich, wie du bist.
•       Ich bin bereit, deinem Rhythmus entgegenzukommen.
 
 
auch die Kräuterstempelmassage hat Denise erlernt
Fallbeschreibungen

Fr. K.                               geb. 12.09.1930  

Diagnosen: CUP-Syndrom, Pleurakarzinose bds., chronisch respiratorische Insuffizienz, arterielle Hypertonie, chron. Herzinsuffizienz, chron. Niereninsuffizienz Stad.III; Epilepsie
belastendes Hauptsymptom: Dyspnoe
Da sich Atemnot häufig lindern lässt, in dem man die Aufmerksamkeit vom Ort des Geschehens z.B. von der Lunge auf die Füße lenkt, bot ich dem Gast als Einstieg eine entspannende Fuß-Bein-Massage an und zur Vorbereitung ein Aromafußbad (da sich der Gast noch selbst zu versorgen versuchte und schlecht an die Füße reichte).
Zur Auswahl stellte ich Fr. K. drei ätherische Ölemischungen: „Engelsgleich“, „Sprachlos“, „Keep smiling“, da sie immer Früchte und Blumen auf dem Tisch zu stehen hatte. In der Hinterhand behielt ich noch die ätherische Ölmischung „Im Fluss sein“, da Fr. K. an manchen Tagen über Wassereinlagerungen in den Füßen klagte, die jedoch nicht als prominent zu bezeichnen waren.
Fr. K. bevorzugte für sich die ätherische Ölmischung „Engelsgleich“.
Fr. K. empfand die Ölmischung „Im Fluss sein“ als unangenehm.
Ich respektierte ihre Wahl und ging ins Schwesternzimmer, um das Massageöl zu mischen. Da Fr. K. ein trockenes Hautbild (vor allem an den Unterschenkeln) aufwies, entschied ich mich für die Basisöle: Jojobawach und Aprikosenkernöl und mischte diese 1:1. Insgesamt verwendete ich 7,5ml von jedem Basisöl. In diese Mischung träufelte ich 3Tropfen der ätherischen Ölmischung „Engelsgleich“, d.h. ich stellte eine 1,0% Mischung her.
Nach der Aufklärung und dem Allergietest verabredeten wir uns am Abend vor der Nachtruhe. Zu Beginn richtete ich das Fußbad und emulgierte 1 Tropfen der ätherischen Ölmischung Engelsgleich in einem kleinen Fertigpack Kaffeesahne. Das emulgierte ätherische Öl gab ich im Anschluss in das Wasser, das sich in der kleinen Waschschüssel befand und verteilte die Mischung gleichmäßig.
Da Fr. K. ein sehr kommunikativer Mensch ist, nutzte sie die Gelegenheit, um sich während des Fußbades mitzuteilen (kurzatmig, mit Sauerstoff). Sie äußerte sich positiv über das Gefühl und den Geruch des Fußbades. Nach 10 min beendeten wir das Fußbad. Ich traf die entsprechenden Vorbereitungen zur Massage.
Zu Beginn der Massage erzählte Fr. K. noch sehr rege (Atmung ruhiger und tiefer), während der Massage stoppte sie sich selbst im Redefluss und bemerkte, dass ihr ja so der ganze Genuss verloren gehen würde. Ab diesem Zeitpunkt wollte sie genießen. Nur noch einmal meldete sich zu Wort, erzählte von einer Kochsendung und einem Rezept, für das sie immer bewundert worden war, dann schwieg sie bis zum Ende der Massage. Mir ist zwar unklar, wie man von der Ölmischung „Engelsgleich“ auf eingelegten Brathering in Aspik kommen kann, aber ich fand die Geschichte amüsant.
Da Fr. K. eine sehr offene, orientierte und wissbegierige Frau ist, konnte ich ihr den Bogen mit den Beobachtungsfragen aushändigen und erklären. Sie gab ihn mir nach der 2. Anwendung ausgefüllt zurück. (siehe Anhang)
In der Folge erhielt Fr. K. noch drei weitere Fuß-Bein-Massagen und 3 Schulter-Nacken-Massagen, die sich laut ihrer Aussage sehr positiv auf ihr Befinden auswirkten. „Sie wissen gar nicht, wie schön es ist, wenn man wieder einmal richtig durchatmen kann.“
Neben der Aroma-Massage wandte ich im Verlauf bei Fr. K auch Medi-Akupress zur Förderung der Atmung an. Der Erfolg beider Anwendungen zeigte sich, in dem Fr. K. die Oramoph-Tropfen (Morphinlösung gegen Atemnot), die auf Bedarf angesetzt waren und aller 4 h von Fr. K. eingefordert wurden, während meiner Dienste 14:00 Uhr regelmäßig nicht mehr verlangt wurden. Im Frühdienst konnte sie die 10:00 Uhr Gabe auslassen – auch an Tagen in denen ich keine Zeit für Zusatzanwendungen hatte. Meine Anwesenheit reichte dort scheinbar schon aus.
 
MediAkupress-Punkt Di-4 z.B. bei Verstopfung u. Durchfall
Derzeit absolviert Denise noch den MediAkupress Praktiker "Konzept begleitende Hände", die MediAkupressur findet bei ihr ein breites Anwendungsgebiet, zur Aromapflege wie z.B.
bei Unruhe, Angst
bei Atmenot
bei Ödemen
bei Übelkeit
bei Schmerzen uvm.

Danke liebe Denise für die Erlaubnis, diese Facharbeit in Auszügen hier zu veröffentlichen!!!

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